Text: Tobias Hennecke Bilder: Tobias Hennecke, Frank Föhlinger

Der Umweg – ein Spielerportrait von Aarav Agrawal

Aarav Agrawal ging mit 14 Jahren nach St. Leon-Rot, weil dort alle hingingen, die etwas werden wollten. Heute ist er zurück in Bayern – und denkt anders über das, was er damals gesucht hat.

Bevor er nach St. Leon-Rot ging, durfte Aarav Agrawal eine Nacht dort schlafen. Probeweise. Ein Zimmer, das nicht das eigene ist. Ein Bad, in dem keine Mutter mehr darauf achtet, dass das Handtuch nicht auf dem Boden liegt.

Er war damals knapp fünfzehn. Den Rest hatte zu Hause immer seine Mutter erledigt. Wäsche, Essen, alles — sie wollte, sagt er, dass er sich nur aufs Golfen und auf die Schule konzentriert. Für die Probeübernachtung musste er die Sachen selbst packen. Und in der Nacht, als die Zimmertür zu war, dachte er nicht: Vielleicht schaffe ich das nicht. Sondern: Okay. Jetzt muss ich lernen, wie ich koche. Wie ich meine Wäsche mache. Jetzt bin ich hier alleine – und ich war bereit, das alles zu lernen.

Vollblutgolfer

Heute, vier Jahre später, ist Aarav 19. Er sitzt im Auto auf dem Parkplatz eines Golfplatzes und schaltet sich in eine Videokonferenz. Er pendelt zwischen Trainingseinheiten und Einspielrunden, die Saisonplanung fest im Blick. Inzwischen hat er sich eine Spielberechtigung für die Pro Golf Tour erspielt. Und er ist seit knapp zwei Jahren zurück in Bayern.

Igor Arendt, sein Trainer, sah ihn als Achtjährigen das erste Mal im Förderkader. Heute arbeitet er wieder mit ihm und nennt ihn ohne Zögern einen „Vollblutgolfer“.

„Wie Matti Schmid“, sagt Arendt. Ein Bayer, im BGV-Kader gewachsen, von Arendt als Kind trainiert und heute auf der PGA Tour erfolgreich. Erst vor wenigen Tagen hat Schmid bei der PGA Championship einen geteilten vierten Platz erspielt — zwischenzeitlich lag er sogar in Führung — und sich damit das Ticket für sein erstes Masters gesichert. „Solche Typen“, sagt Arendt, „leben Golf. Sie atmen Golf. Da musst du den Weg als Trainer nur so gut wie möglich mitbegleiten, bis sie selbst genau wissen, was sie wollen.“

Aaravs Weg in diese Riege führte über einen Umweg – vorbei an St. Leon-Rot.

Damals

Als er vierzehn war, existierte das Internat in SLR erst seit knapp zwei Jahren. Es war eine Idee, die viele Nachwuchstalente seiner Generation in Bewegung setzte: Schule und Spitzengolf an einem Ort, eine bärenstarke Mannschaft und eine Anlage in einer Größenordnung, die es in Deutschland kein zweites Mal gibt. Eine hochmoderne Indoor-Halle. Eine Range, auf der man im Winter so trainieren kann, als wäre es Sommer. Seine Freunde waren schon dort — Luis Ertinger, Leonas Jung, Nils-Levi Bock. Alle berichteten nur Gutes.

Er bewarb sich, bekam beim ersten Mal keine Zusage, ein halbes Jahr später dann doch. „Wir konnten ihn nicht abhalten“, erinnert sich Arendt heute. „Die Bertolt-Brecht-Schule (BBS) gab es ja längst, er wohnte praktisch im Einzugsgebiet. Aber es hat ihm einfach so unter den Nägeln gebrannt, dorthin zu gehen.“

Die ersten Wochen seien großartig gewesen, sagt Aarav. Es habe ihm geholfen, dass sein Tag komplett strukturiert wurde. Frühtraining im Winter um halb sechs, danach Schule, Athletik, ein durchgetakteter Wochenplan. Wenn man unsicher war, genügte ein Blick auf den Plan. Da stand exakt, was zu tun war.

Genau hier, betont Arendt, liege der entscheidende Unterschied der beiden Systeme. „In St. Leon-Rot ist der ganze Tag durchstrukturiert. Du hast immer jemanden an deiner Seite, der dich führt.“ Die BBS in Nürnberg sei mit voller Absicht anders konzipiert. „Bei uns wird keiner zum Training genötigt. Durch die Schulzeitstreckung hast du die Zeit, deine Eigenmotivation wirklich selbst auf den Prüfstand zu stellen.“

© Frank Föhlinger
© Philipp Eibl

Wo es kippte

Mit dem Start der Turniersaison kippte die Stimmung. Im zweiten Jahr wurde Aarav nicht mehr für die Mannschaft nominiert. Welche Leistungskriterien er genau verfehlt hatte, sei ihm vorher nie klar kommuniziert worden, sagt er.

Schon davor habe er gespürt, wie ihm etwas entgleitet. Hatten die Spieler anfangs noch Einzeltraining, wurde daraus später Gruppentraining zu dritt oder zu viert. „Dann bekommen zwei Leute vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Und du stehst daneben und schlägst einfach nur noch Bälle.“

Arendt nennt das ein Phänomen, das er in solchen Systemen immer wieder beobachtet: eine zwanghafte Ergebnisorientierung. „Auf Teufel komm raus performen zu müssen und unter Verkrampfung dauerhaft gutes Golf zu spielen, ist extrem schwierig.“ Aaravs Score fror in diesen Monaten ein – im mittleren bis oberen 70er-Bereich. „Putten, Wedge Game, Power Game – damit kann man gut spielen. Jeder einzelne Teilbereich war völlig in Ordnung. Nur wurde daraus nie ein funktionierendes Gesamtpaket geschnürt.“

Stück für Stück

Den einen, großen Schlüsselmoment für die Rückkehr gab es nicht. Es war ein schleichender Prozess. Aarav sprach regelmäßig mit BBS-Spielern und erkundigte sich nach deren Alltag. Dazu kam ein ganz pragmatisches Problem: Die Schulzeitstreckung in SLR — bei der das Abitur auf drei Jahre verteilt wird — gibt es nur für Spieler im Nationalkader. Aaravs damaliger Status reichte dafür nicht aus. Für ihn stand schnell fest: Es geht zurück nach Bayern. An die BBS.

Er schrieb Igor Arendt. „Reisende darf man nicht aufhalten“, sagt der Trainer heute rückblickend. Aber man dürfe eben auch keine Türen verschließen. „Solche Vollblutgolfer musst du auf ihrem Weg einfach so gut wie möglich unterstützen.“

Anleitung zum eigenen Training

Das Entscheidende an der BBS, erklärt Arendt, sei nicht die starre Struktur, sondern die Philosophie dahinter. „Das Training ist die Anleitung zum eigenen, selbstständigen Training. Es ist nicht bloß der schnelle Tipp für die Woche oder das nächste Turnier. Wir wollen, dass die Spieler ein solides, eigenes Verständnis für ihr gesamtes Tun entwickeln. Das ist mühsam, aber extrem nachhaltig.“

Die Liste derer, die diesen Weg erfolgreich gegangen sind, ist überschaubar – und gerade deshalb ein Qualitätsbeweis: Nina Lang, deutsche Meisterin. Korbinian Walther. Linus Lang, der gerade den Aufstieg auf die Challenge Tour geschafft hat. Und eben Matti Schmid.

Aaravs Weg ist dabei nicht der einzig wahre. Nils-Levi Bock, einer der Freunde, mit denen er damals den Sprung wagte, spielt heute noch in SLR. Für ihn ist es aktuell genau das richtige Umfeld. Für Aarav war es ein anderer Weg – nicht weil das eine System schlecht und das andere gut ist, sondern weil dasselbe Umfeld nicht für jeden Athleten das Gleiche leisten kann.

Wenn ihn heute ein junger bayerischer Kaderspieler anrufen und fragen würde, ob er nach SLR gehen soll, würde Aarav zuerst eine Gegenfrage stellen: Warum?

„Wahrscheinlich wird er die Sache sehr ähnlich sehen, wie ich sie damals gesehen habe“, sagt Aarav. „Dann würde ich ihm von meinen Erfahrungen berichten. Ich würde ihm die BBS zeigen und ihm sagen, dass es hier genauso gut ist — und für mich persönlich noch besser.“

„Das hat er schön gesagt“, schmunzelt Igor Arendt am anderen Ende der Leitung.

Geduld

Vor zwei Jahren, gibt Aarav zum Schluss zu, hätte er fast die Geduld verloren. Aber er hat weitergemacht. „Jetzt komme ich langsam dahin, wo ich auch mental sein will. Mit Fokus auf den Prozess und nicht mehr nur auf das nackte Ergebnis. Der Weg hat mir gezeigt, dass Erfolg Zeit braucht. Aber dass er dann irgendwann auch kommt.“

ZUR PERSON

  • Name: Aarav Agrawal (19 Jahre)
  • Heimatclub: Golfclub Am Reichswald
  • Werdegang: Seit dem achten Lebensjahr im bayerischen Förderkader. Wechsel an das Internat des GC St. Leon-Rot im August 2021, Rückkehr nach Bayern Ende Juli 2023.
  • Heute: Schüler der Bertolt-Brecht-Schule Nürnberg (Eliteschule des Sports), Spielberechtigung für die Pro Golf Tour.

DIE BBS KURZ ERKLÄRT

Die Bertolt-Brecht-Schule in Nürnberg ist als Eliteschule des Sports der schulische Stützpunkt des Bayerischen Golfverbandes (BGV). Das Modell verbindet eine flexible Schulzeitstreckung mit Frühtraining, regulärem Unterricht und Nachmittagstraining. Der Kreis ist bewusst klein gehalten: rund 15 bis 20 Golfschülerinnen und -schüler über mehrere Jahrgänge hinweg. Aus dem Programm gingen unter anderem Matti Schmid (PGA Tour), Linus Lang, Bernd Ritthammer und die Deutsche Meisterin Nina Lang hervor.



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